Achtsamkeit und Präsenz. Mitgefühl und Herzensgüte

 

Jetzt mal angenommen. Einfach nur angenommen, am Ende unseres Lebens kommt es weder darauf an wer wir waren, was wir geschaffen und geleistet noch wie viel wir erworben und angehäuft haben, sondern ein wenig mehr darauf, wie oft wir geliebt haben und geliebt worden sind. Wie sehr wir uns gefreut haben und anderen Freude, kleine Aufmerksamkeiten bereiten haben.

 

Nehmen wir außerdem an, dass die Art wie wir leben – unser Umgang mit uns selbst und anderen, die Absicht hinter unseren Worten und Taten, unsere Beziehung zur Erde und Umwelt, zu unseren Mitmenschen – unser Bewusstsein prägt, unsere Stimmung beeinflusst und sich auf unsere Umgebung auswirkt. Wäre es da nicht sinnvoll, jeden Tag etwas Zeit für freundliche Gedanken, für liebevolle Zuwendung zu reservieren?

 

Eine letzte Annahme noch. Jetzt mal so aus heiterem Himmel angenommen, wir alle tragen die Anlagen für Mitgefühl, Herzensgüte, Freude und Gleichmut bereits in uns, und wir brauchen uns nur darauf zu konzentrieren, diese zarten Pflänzchen zum Wachstum anzuregen, zu hegen und zu pflegen. Was wäre dann?

 

Wenn wir in einem Umfeld leben, in dem wir diese Qualitäten nie oder nur selten erfahren, kann es passieren, dass diese Wesenszüge unausgebildet bleiben, verkümmern oder sich nur eingeschränkt entwickeln. Im Umkehrschluss können wir durch gezieltes trainieren, praktizieren und wiederholen darauf einwirken, welche Qualitäten wir wie stark ausbilden möchten. Sogar wenn wir manche Aspekte nicht spüren oder sogar verleugnen und verheimlichen, sind sie da!

 

Jetzt nähern wir uns dem Kern der Mitgefühls-, Herzensgüte- und Achtsamkeitspraxis. Ich nehme Abstand davon, die Unterweisungen wiederzugeben die buddhistische Lehrerinnen und Lehrer wie Tara Brach oder Jack Kornfield bereits auf hervorragende und gut verständliche Art transportieren, möchte aber gerne erzählen, was Tim Desmond in seiner Anleitung zum Menschsein in einer beschissenen Welt über die Anwendung der Achtsamkeitspraxis schreibt, als seine Frau mit der Diagonse Krebs konfrontiert ist:

 

"Während ich dort im Krankenhaus meine Frau und meinen Sohn betrachtete, konnte ich nicht umhin zu sehen, wie sehr sie mich brauchten. Nicht, dass ich irgendetwas Bestimmtes hätte tun müssen. Sie brauchten mich in ihrer Nähe, sie brauchten das Gefühl, nicht alleine zu sein... Wenn ich es schaffte, den Kontakt zu dem, was schön ist und Freude macht im Leben, nicht zu verlieren - wenn ich mich mit etwas Tieferen in mir als der Verzweiflung verbinden konnte -, dann würde ich den Menschen, die ich am meisten liebte, etwas zu bieten haben."

 

Entziehen wir uns dem Dickicht des angstvollen Denkens. Leben wir in Stille. Strömen wir hinauf und hinab in stets wachsenden Ringen des Seins. (Rumi)

 

Warum also praktizieren? Hier meine persönliche Motivation als Antwort:


Weil sonst etwas fehlt, darum!

Weil unser menschliches Potenzial unausgeschöpft bleibt, darum!

Weil es leicht passiert das unser Wesenskern verkümmert, auch darum!

 

Wenn wir also der Achtsamkeitspraxis einen Rhythmus geben, Zeiten der Kontemplation und Besinnung ins Leben integrieren, komme was da wolle, und uns wie tausende Mitpraktizierende jeden Tag etwas Zeit reservieren, uns in Gewahrsein zu üben und auf die eigenen Empfindungen zu achten, dann erschafft diese Form der reinen Präsenz einen heiligen Raum, in dem alles Platz hat, was zum Leben gehört. Ob unangenehm oder angenehm.

 

Unser Leben wird sich wandeln, unsere Stimmung, unser Gemüt, eventuell sogar unser Charakter. Wahrscheinlich nicht von heute auf morgen, aber von übermorgen auf übernächste Woche auf nächstes Jahr auf die kommenden Lebensabschnitte.

 

Du denkst ich bin plem plem? Warte einen Moment bevor du ein Urteil fällst. Nur einen Moment. Zuerst appelliere ich an deine Kreativität. Wenn du dich damit herumquälst still zu sitzen oder eine formelle Meditation zu praktizieren, du aber Spaß daran hast a la Gabrielle Roth morgens, abends oder auch zwischendurch ausgelassen durch die Wohnung oder durchs Haus zu tanzen, zu hüpfen, zu springen – tu es!

 

Wenn sich Wohlbefinden, Präsenz und Heiterkeit bei dir auf natürliche Art und Weise so einstellen, dass du singst, ob laut, leise, schief oder melodisch – mach es!

 

Gärtnern, töpfern, angeln, wandern, malen, Trampolin springen, einen Spielplatz besuchen, Spazierengehen. Genauso ok!

 

Finde deinen persönlichen Ausdruck, erschaffe deine individuelle Gewahrseinspraxis.

 

Du bist noch skeptisch? Optimal. Bleibe es. Dein Wohlbefinden ist das Messinstrument, schafft die Motivation zum Praktizieren, zum Trainieren, zum Dranbleiben. Wenn sich kein Wohlbefinden einstellt, dann taugt es wahrscheinlich wenig für dein Leben. Falls doch. Wunderbar! Hab Freude daran, bewahre, behüte, umsorge es! Du für dich, ich für mich, wir für uns!