Annehmen, was ist.

"Gibt es unter deinen Kollegen jemanden, der sich mit Autismus auskennt?" Ich telefoniere gerade mit der Psychotherapeutin, die während meiner LSB Ausbildung die Supervision übernommen hat.

 

"Nein, leider. Wir sind bloß ganz gewöhnliche Wald- und Wiesentherapeuten. Wieso fragst du? Um wen geht`s? Doch nicht um dich?" "Doch. Um mich."

 

Die Erlebnisse, die ich habe, seitdem ich offen mit dem Thema Autismus umgehe, sind, wie soll ich sagen, nun ja, ernüchternd. Als ob es ein Versehen ist, anders zu sein, oder ein Verbrechen nicht durchgehend die gleiche Leistung zu erbringen, Durchhänger zu haben, Ruhe zu brauchen, Mittagspausen alleine zu verbringen. Oder ein absolutes NO-GO auf Whatsapp, Facebook und Co zu verzichten. "HALLO?"

 

Ich stoße auf Unverständnis, Desinteresse, Ignoranz. Da kann sogar ein sonst recht stabiles Selbstbewußtsein in Schieflage geraten. Meisten komme ich gut mit meinen Besonderheiten zurecht. Aber es gibt diese Tage. Vielleicht sind es 25 Tage im Jahr. An denen könnte ich stampfen, toben, schreien, mir die Haare raufen .... tue ich dann zumeist auch. Tage, an denen ich wütend bin auf mein so sein. Tage, an denen ich anteilnehmende Unterstützung begrüßen würde. Tage, die mich herausfordern und dazu führen in die Selbstbetrachtung zu gehen.

 

Annehmen, was ist. Akzeptieren. Aushalten.

"Lernen Sie es auszuhalten!", hat mir vor Jahren einen Therapeutin mit auf den Weg gegeben. Ob der Rat das Prädikat wertvoll verdient, kann ich nicht beurteilen, jedenfalls erinnert er mich daran, da zu bleiben und präsent zu sein, wenn ich am liebsten vor mir selbst weglaufen möchte, mich selbst nicht aushalte.

 

Diese Tagen gehen glücklicherweise vorbei. Die Spuren bleiben. Im Gedächtnis. In der Erinnerung.

Gemeinsam gut erinnern und gut vergessen.

 

Überraschend anders, facettenreich und in vielen Momenten überaus ungewöhnlich ist ein Leben mit Hochsensibilität, ein Leben im autistischen Spektrum.

 

Im deutschsprachigen Raum gibt es kaum Angebote für Erwachsene mit hochfunktionellen Autismus, gleiches gilt für hochsensible Menschen. Auch nach ganzheitlichen Angeboten suche ich vergeblich.

 

Einige Zeit überlege ich, wie ein Training aussehen kann, welches die Persönlichkeit respektiert und die Lebenszufriedenheit in den Mittelpunkt rückt, anstatt auf eine "Normalisierung" ausgelegt zu sein.

 

Die Hilfe zur Selbsthilfe nimmt Schritt für Schritt Form an, bekommt eine klare Struktur. Monatelang probiere ich, trainiere, integriere. Einiges wird sofort verworfen, manches für gut, einiges sogar für genial befunden.

 

Die Trainingseinheiten mit denen ich jetzt arbeite, sind darauf ausgelegt heilsame Ausdrucksmöglichkeiten zu schaffen (Ausraster zu lindern, zu wandeln oder zu vermeiden), die persönliche Resilienz zu stärken, Gesundheitskompetenz zu entwickeln und eine gewisse Grundbalance, eine Kohärenz herzustellen.

 

In meiner eigenen Praxis haben der Rhythmen Tanz, Yoga und sensorische Pausen einen festen Platz eingenommen. Gleichbedeutsam sind Achtsamkeitstraining, Grundkenntnisse im Stressmanagement und Verhaltensänderungen wie z.B. das Verwenden eines Gehörschutzes oder in meinem Fall die sehr radikale Entscheidung auf ein Smartphone zu verzichten.

 

Wenn wir uns unserer inneren Stärke, Kompetenz und Resilienz gewahr sind, tragen wir eine ausgleichende Kraft in uns, um uns auch in schwierigen Prozessen und Lebensabschnitten bewähren zu können. Daran glaube ich, dafür trainiere ich, damit  stehe ich Betroffenen und ihrem Umfeld gerne zu Seite.